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In Kinderhänden haben WhatsApp und Co. nichts verloren

Auch in Bayern sind die Sommerferien zu Ende gegangen und ganz Deutschland geht wieder zur Schule. In vielen Klassen schlägt damit leider wieder einmal die Stunde von WhatsApp. Lehrer, Eltern und Schüler richten Gruppenchats ein, um sich über anstehende Hausaufgaben, früheren Schulschluss wegen Unterrichtsausfalls oder den Ablaufplan des nächsten Ausflugs auszutauschen. Ist ja auch praktisch. Einfach eine kurze Nachricht reingetippt und alle wissen Bescheid. Allerdings hat die Sache einen Haken, und der ist ziemlich groß. Denn gerade die Privatsphäre von Kindern verdient einen ganz besonderen Schutz – und damit ist es bei kostenlosen werbefinanzierten Apps wie WhatsApp nicht weit her.

Das fängt damit an, dass für eine funktionierende Gruppe des Messengers natürlich die Handynummern sämtlicher Mitglieder bekannt sein müssen. Nicht jedes Schulkind möchte aber automatisch, dass die ganze Klasse seine Nummer hat; schließlich will es sich seine WhatsApp-Freunde selbst aussuchen. Im schlimmsten Fall nutzen Mitschüler die Nummer, um Mobbing-Attacken zu starten, sei es im Eins-zu-Eins-Chat oder sogar in eigens dafür eingerichteten Gruppen. Außerdem sind die Kinder gezwungen, sensible Daten von sich selbst und ihren Freunden preiszugeben. WhatsApp liest sämtliche Kontakte, die im Adressbuch eines Handys gespeichert sind aus, ohne dass die Kinder sich dagegen wehren könnten, und gibt die Daten an die Konzernmutter Facebook weiter, die sie dann gewinnbringend bei der Werbeindustrie einsetzt. Und dabei werden oft auch gleich noch alle anderen Daten mit ausgelesen, die sich in einem Adressbuch so finden lassen – Postanschriften und E-Mail-Adressen, Profilfotos, Geburtstage und vielleicht auch einige sehr persönliche Notizen.

WhatsApp steht damit exemplarisch für das problematische Geschäftsmodell, das vor allem US-amerikanische Anbieter von digitalen Diensten verfolgen. Die Apps, die sie vermeintlich kostenlos anbieten, müssen von den Nutzern in Wahrheit doch bezahlt werden: mit ihren Daten. Und dabei wird keinerlei Rücksicht auf das Alter genommen. So landen über Messenger wie WhatsApp, Spiele wie Pokémon Go oder die derzeit unter Kindern besonders beliebte App musical.ly, mit der sie via Playback eigene Musikvideos produzieren können, intimste Details aus dem Leben der Kinder auf fremden Servern von werbefinanzierten Diensten; bis hin zu vertraulichen Sprach- und Textnachrichten, deren Inhalt nicht einmal die Eltern der Kinder kennen.

Der Gesetzgeber hat bereits in ersten Ansätzen auf diese Problematik reagiert. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland sind US-Datendienste für den Unterrichtsgebrauch mittlerweile pauschal verboten. Und in einem aufsehenerregenden Urteil verdonnerte das Familiengericht Bad Hersfeld eine Mutter dazu, sich schriftliche Einverständniserklärungen aller WhatsApp-Kontakte ihres elfjährigen Sohnes einzuholen, da die automatische Weitergabe ihrer Kontaktdaten an WhatsApp sonst illegal sei. Andernfalls, so das Gericht, dürfe ihr Kind die App nicht mehr benutzen.

Unabhängig von der oft unklaren Rechtslage aber ein Appell an alle Eltern und Lehrer: Sie sollten sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie ihren Kindern und Schülern wirklich erlauben wollen, sich digital komplett nackt auszuziehen. Im analogen Leben würden bei ihnen sämtliche Alarmglocken schrillen, wenn Fremde plötzlich anfangen, sich brennend für die Aufenthaltsorte, Freunde, Vorlieben, Sorgen oder Nöte ihrer Kinder und Schüler zu interessieren. Das muss nicht heißen, ihnen digitale Dienste generell zu verbieten, denn sie haben ja grundsätzlich zweifellos große Vorzüge, machen Spaß und erleichtern das Leben. Sie sollten sich aber kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und ganz genau hinschauen, welche Apps ihre Kinder belauschen und private und sehr persönliche Daten speichern, verarbeiten und analysieren.

Es gibt immer Alternativen. Und wenn es um die Privatsphäre und den Schutz der Kinder geht, zählen keine Ausreden. Eltern und Lehrer müssen den ersten Schritt machen und prüfen, welche Alternativen es gibt, die der Privatsphäre ihrer Kinder den Respekt entgegenbringen, den sie verdienen.

* Eric Dolatre ist CEO der Brabbler AG, die sich für den Schutz der Privatsphäre im Internet einsetzt, und Vater von drei Kindern.

Posted by on 12. September 2017. Filed under Allgemein,Internet. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

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