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„Lebenslänglich Deutschland“

Bonn – Im Sommer des Jahres 2004 diskutierte Deutschland über Patriotismus. Auf einmal war das Thema vielen nicht so eklig wie bei der „Leitkulturdiskussion“. Kein Wunder: Patriotismus war auch eigentlich gar nicht gemeint, als Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre sich darüber ereiferten, dass deutsche Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Die scheinbare Vaterlandsliebe war vielmehr der Ausdruck eines Wunsches nach Abschottung von aussen. Wettbewerber und Konkurrenten, sie sollten draussen bleiben. Deutsche Unternehmer, da waren sich SPD-General Benneter oder Kanzler Schröder einig, verdienen „lebenslänglich Deutschland“. Es ist nun an der Zeit, die erhitzte Debatte des Sommers, die auch in den USA tobte und Präsidentschaftskandidat John Kerry zu manch bizarren Verrenkungen trieb, Revue passieren zu lassen.

Die Oktober-Ausgabe der „Politischen Meinung“, einer renommierten Monatszeitschrift, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung http://www.kas.de herausgegeben wird, bietet einen Überblick über die (Schein-)Debatte der vergangenen Monate. Der Autor Ansgar Lange fordert eingangs zu einem sachlichen Austausch der Argumente auf: „Da eine solche aufgeheizte ‚Patriotismusdebatte‘ auch im Vorwahlkampf in den Vereinigten Staaten eine wichtige Rolle spielt, lohnt sich ein nüchterner und vorurteilsfreier Blick auf das, was die Experten als so genanntes ‚Offshore-Outsourcing‘ bezeichnen. Dieser Anglizismus benennt den zunehmenden Trend unserer Zeit, Jobs in Bangalore und Bratislava und nicht in Bonn und Berlin zu schaffen. Da ‚sich Deutschlands Exportweltmeisterschaft mittlerweile auf die Ausfuhr von Arbeitsplätzen konzentriert‘ (Mathias Zschaler), muss diese Diskussion geführt werden; allerdings fern von jener dumpfen Stammtischpolemik und Schaumschlägerei jener Politiker, die nicht mehr ein noch aus wissen, da sie nicht nur alles anders, sondern auch alles schlechter gemacht haben als die Vorgängerregierung von Helmut Kohl, die so gern als Reformbremse tituliert worden ist.“

Ein nüchterner Vergleich zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ergebe, dass die Amerikaner wesentlich stärker vom Offshore-Outsourcing profitieren, weil die dortigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen besser sind. So ergab eine von der Information Technology Association of America finanzierte Studie, dass durch Outsourcing von Dienstleistungen im US-Computerbereich bis zum Jahr 2008 rund 317.000 neue Stellen geschaffen würden, während „nur“ 104.000 Posten wegfielen. Andere Berechnungen ergeben, dass in den Vereinigten Staaten für einen ins Ausland transferierten US-Arbeitsplatz 1,2 Stellen in der Heimat geschaffen würden. „Outsourcing im internationalen Rahmen ist keine Frage von Patriotismus, sondern von Wettbewerbsfähigkeit, der Anpassung an dynamische Märkte und veränderte Rahmenbedingungen“, kommentiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de die vaterländischen Töne der Spitzengenossen. Die Wirtschaft warnt, dass man in Deutschland allzu lang auf einem hohen Ross gesessen habe. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskraft der alten Bundesrepublik und ihrer grossen Erfolge in den 50er und 60er Jahre übersahen viele, dass auch in den Ländern Asiens oder vor der Haustür in Osteuropa eine Generation von fleissigen und kompetenten Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Technikern herangewachsen ist. „Alle Beteiligten wissen, dass inzwischen nicht mehr nur einfache Tätigkeiten in asiatische und osteuropäische Länder verlagert werden, sondern auch hochqualifizierte IT-Dienstleistungen. Deshalb sollten wir zu neuen Lösungen kommen, um den IT-Standort Deutschland attraktiver zu machen“, zitiert die Politische Meinung Helmut Reisinger, Geschäftsführer des Stuttgarter IT-Dienstleisters NextiraOne http://www.nextiraone.de. Was für den IT-Standort gilt, so das Resümee des Artikels, gilt auch für andere Branchen. Lange plädiert für eine Radikaloperation des Patienten Deutschland. Nur dann könnten neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Durch fadenscheinige Dispute über „anständige“, in Deutschland produzierende, und „unanständige“, im Ausland tätige Unternehmer, gibt es auf keinen Fall neue Jobs.

Posted by on 4. Oktober 2004. Filed under Information & TK. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

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