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Winterausgabe des Magazins NeueNachricht, Fokusthema: „Google und Co. – Die Kommunikationsrevolte?“

Bonn – Niklas Luhmann, der „Vater der Systemtheorie“, sieht drei Revolutionen der Kommunikation: die Schrift – die Antwort darauf hiess Aristoteles; der Buchdruck – die Antwort darauf hiess Rene Descartes; die Computer – die Antwort darauf heisst Niklas Luhmann. Zu dieser Auffassung gelangt zumindest sein Schüler Dirk Baecker. Der Soziologe und Zettelkasten-Wissenschaftler Luhmann hat selbst keine Computer benutzt. Er hat aber die Theorie entwickelt, die die „Neue Gesellschaft der Computer“ und die Antworten der Menschen auf diese veränderte Gesellschaft exakt beschreibt.

„Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiss nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Zudem verlieren die klassischen Massenmedien ihre Selektionsmacht“, schreibt der Wirtschaftspublizist Gunnar Sohn in der Winterausgabe des Magazins NeueNachricht http://www.ne-na.de zum Fokusthema „Google und Co. – Die Kommunikationsrevolte?“.

Google und die Datenbank der Intentionen

Zwar warnen Medienexperten wie der Zukunftsforscher Johns Naisbitt vor den systemischen Grenzen der Informationstechnik mit dem Ausspruch: „Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen“. Mit steigender Datenflut wachse der Aufwand, Daten in anwendbares und sinnvolles Wissen zu verarbeiten. Mit der Mission von Google gibt es nach Ansicht von John Battelle, Autor des US-Bestseller „The Search“, auch für diese Restriktion eine Antwort: „Was ist eigentlich Information? Schlussendlich sind es Daten die etwas und alles beschreiben. Vielleicht ist es ein Dokument im Web, vielleicht ist es der Preis einer Kiste Pampers in einem Landen in Miami. Es könnten auch Hochzeitsfotos sein oder ein Video eines Tsunamis an der Küste des Indischen Ozeans. Wenn uns die ersten Jahre des dominanten Aufstiegs von Google etwas beigebracht haben, dann dies: wenn etwas von Interesse ist, muss es im Google-Index sein“. Google ist nach Analyse von Battelle eine „Datenbank der Intentionen“ und die Suchfunktion ist für ihn die künftige Schnittstelle der Computer, des Wissens und des Lebens. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Texten, Bildern, Filmen ist alles Suche und Suche wird zu allem. So beschreibt er, wie man künftig per Handy und GPS-Peilung Produkte in den lokalen Geschäften einem Preisvergleich unterziehen kann und der Tod der Gelben Seiten vorbestimmt ist. Alles lässt sich mit einem Chip versehen und in die digitale Welt integrieren.

„In naher Zukunft wird sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten. Das hat bereits mit den Handys und PDAs begonnen; virusartig wird sich das fortsetzen bis die Suche in jeder digitalen Vorrichtung eingebaut ist, die unser Leben betrifft. Das Telefon, das Handy, der Fernseher oder die Stereoanlage. Selbst das kleinste Objekt kann mit einem Chip ausgerüstet und vernetzt werden – alles wird fähig zur Netzwerk-Suche sein. Das ist keine Phantasie – das ist einfache Logik. Wenn man immer mehr von unserem Leben vernetzt und digitalisiert, brauchen wir Navigation, Kontext und Schnittstellen, um zurecht zu kommen. Was ist demnach TiVo – nichts anderes als eine Such-Schnittstelle für den Fernseher? I-Tunes von Apple? Suche nach Musik. Die Kiste mit den Fotos unter Ihrem Bett und der Ständer mit den CDs neben ihrer Stereoanlage? Analoge Kunstobjekte, die auf ihre digitale Wiedergeburt warten. Anstelle der überall vorhandenen Barcodes, die man am Flughafen auf das Gepäck klebt, werden ganz einfach RFID-Chips verwendet. Sie haben Ihr Gepäck verloren? Ich glaube nicht. Nicht, wenn Sie Ihre Louis Vuitton-Tasche in Echtzeit googlen können. Denken Sie mal drüber nach – google Deinen Hund, Dein Kind, Deine Fonds, Dein Handy, Dein Auto. Die Liste erstreckt sich sehr schnell ins Unendliche. Überall, wo ein Chip drin oder dran ist, kann eine Suche starten“, so die Vision von Battelle. In Kombination mit Spracherkennungssystemen entwickeln sich Suchmaschinen sogar zum persönlichen Info- und Kommunikationsmanager:

Das Internet lernt sprechen

„Sprachtechnologie macht Webinhalte für das Telefon nutzbar. Internet-Suchdienste werden von Millionen Menschen genutzt und bieten sich daher besonders dafür an, in Sprache abgebildet zu werden“, so Bernhard Steimel, Sprecher der Brancheninitiative VOICE Business. Google arbeite wohl mit Hochdruck an einem Sprachkanal. „Dafür spricht die Verpflichtung von vier Voice Top-Managern. Michael Cohen ist User Interface Experte der ersten Stunde. Bill Byrne kann nachgewiesenermassen die komplexen Voice Architekturen konzipieren und errichten, die für ein neues Google Voice nötig wären. Adam Bosworth ist einer der Vorreiter in der Entwicklung und Nutzung von Markup-Sprachen. Kai-Fu Lee kommt von Microsoft und gilt als Koryphäe auf den Gebieten der Spracherkennung und der künstlichen Intelligenz“, weiss Steimel.

Analysten sind sich sicher, dass die Vorstellung einer einfachen Umsetzung von Google Search für das Telefon angesichts dieser Konzentration von Sprachkompetenz bei Google zu kurz greift. „Das Voice-Team von Google arbeitet sicherlich an einem grösseren Konzept. Eine Art persönlicher ‚Google Info- und Kommunikationsmanager’, der G-Mail mit G-Organizer, G-Contacts und G-Earth zu einer sprachgesteuerten Info- und Kontaktbasis verschmilzt. Eine solcher Dienst wäre von jedem Handy mobil zu nutzen, wenn alle Funktionen für Sprachausgabe und -erkennung ebenso ausgelegt wären wie für die Nutzung mit grafischem Interface. Millionen Kunden hätten dann auf mobilen Endgeräten mit IP-Telefonie und Datenanbindung die Welt in der Tasche: Sie könnten telefonisch ihre gesamte E-Mail-Korrespondenz führen, Kontakte und Termine pflegen und das Web in Text, Ton und Video durchsuchen“, spekuliert Steimel.

Der Suchmarkt werde mit dem Einzug von Spracherkennung in eine neue Dimension wachsen. „Sprache wird künftig in doppelter Beziehung eine Rolle spielen: für die Erschliessung neuer Suchinhalte wie Voicefiles und als neuer Zugangsweg ins Internet“, sagt Steimel.
Nach Angaben von Professor Wolfgang Wahlster, Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), werde man schon im nächsten Jahr zur Fussball-Weltmeisterschaft neue Anwendungen erleben. „Sofern die WM-Besucher über ein entsprechend ausgerüstetes Handy mit Spracherkennung verfügen, können sie Informationen über Spielstände, WM-Historie, Touristenattraktionen und Hotels abfragen. Eine Software sucht im Web und in Datenbanken nach Antworten und liest die richtige vor. Das erledigen neuartige intelligente Suchmaschinen. Sie bedienen sich neuer Computersprachen, um Art, Inhalt und Charakter von Dokumenten und Web-Seiten zu erkennen, statt nur nach Stichworten zu fahnden. So stossen sie auf die wahrscheinlichste Antwort, statt hunderte oder gar tausende Treffer anzuzeigen“. Experten sprechen bei der Weiterentwicklung vom semantischen Web: Das Internet lernt Fakten zu verknüpfen und zu sprechen.

Branchenriesen werden nervös

Die nächste Generation des Internets komme langsam, aber gewaltig, berichtet das Handelsblatt. Durch die rasante Verbreitung von schnellen Breitbandverbindungen werde die nächste Welle die Telekommunikationsbranche, die elektronischen Medien und die Softwarebranche umkrempeln. „Das für viele Unternehmen Beunruhigende dabei ist, dass der zu erwartende Strukturwandel unberechenbar bleibt“, so das Handelsblatt. Noch sei die Frage nicht entschieden, welche Firmen mit welchen Geschäftsmodellen in den Massenmarkt einsteigen. Und genau diese Unsicherheit mache die Branchenriesen nervös.

Der Einzug der IP-Telefonie wird nach Einschätzung von Michael-Maria Bommer, Vice President & Managing Director von Genesys, radikalere Veränderungen nach sich ziehen als bisher angenommen. „Es ist davon auszugehen, dass sich das Verhalten der Nutzer von TelCo-Dienstleistungen und deren Anbietern in kürzester Zeit wandeln wird. Milliardenkonzerne mit hohem Bekanntheitsgrad könnten in naher Zukunft von der Landkarte verschwinden. Eines der Epizentren der zu erwartenden Beben liegt in Mountain View, USA. Google, der dort ansässige Anbieter von Suchmaschinen, überzieht die gesamten Vereinigten Staaten mit einem WiMax-Funknetz und bietet kostenlose Telefoniedienste an. Refinanziert wird dieses Angebot durch Werbung. In San Francisco ist es bereits jetzt möglich, über GoogleTalk zu telefonieren ohne einen Dollar dafür zu zahlen“, schreibt Bommer in einem Namensbeitrag für NeueNachricht.

Für die bisherigen Carrier könne durch die neuen kostenlosen Angebote die Luft sehr dünn werden. „Sie sehen sich gezwungen, ihr bisheriges Geschäftsmodell völlig neu zu strukturieren. Es ist abzusehen, dass sie zukünftig weder mit Minutenpreisen noch mit Anschlussgebühren Geld verdienen können. Durch Services wie GoogleTalk werden die Erwartungen der Nutzer grundlegend neu geprägt. Kostenloses Telefonieren wird zu einer Selbstverständlichkeit. Selbst der Betrieb der Breitbandnetze wird von den neuen Telefonanbietern übernommen, die sich um Regulierungsfragen wenig kümmern müssen. Auswirkungen wird der Paradigmenwechsel auch für die Regulierungsbehörden haben, da sie in diesem Bereich nichts mehr zu regulieren haben. Beispielsweise wird die leidige Frage der Rufnummer durch die Veränderungen des Marktes beantwortet. Statt Zahlen, die vergeben werden, lassen sich frei wählbare Namen verwenden“, so Bommer. Zwar versuchen die etablierten Netzbetreiber und Medienkonzerne, die Kontrolle über das Internet an sich zu bringen. Der Berliner TK-Experte Johannes Lenz-Hawliczek skizziert in seinem NeueNachricht-Beitrag unter dem Titel „Wohin steuert das Internet: Offene Standards oder ‚Walled Gardens’?“ die Gegenmassnahmen der Internet-Community: So hat etwa Doc Searle, Redakteur des Linux-Journals und 1999 Co-Autor des einflussreichen „Cluetrain Manifesto“ unter der Headline „Saving the Net“ erst kürzlich verschiedene Entwicklungsszenarien skizziert und die Netzgemeinde dazu aufgerufen, Widerstand gegen die Einflussnahme von „Tellywood“ und den Telcos zu leisten.

Für sie ist das Netz mehr als nur Transportmedium – es ist ein realer Ort für Gespräche, für den Handel und den Austausch, den es zu verteidigen gilt. „Parteinahme für das Netz”, so Searle in seinem Appell, „ist keine Frage der Partei. Abgeordnete und Regulierer pfuschen nicht am Netz herum, weil sie ‚Friends of Bush’ oder ‚Friends of Hollywood’ oder Liberale oder Konservative sind. Sie tun es, weil eine Sichtweise des Netzes – nämlich als ein Transport-System für Content – die Oberhand über eine andere Sichtweise gewinnt – als ein Ort, an dem Märkte und Handel und Kultur und Bürgerdienste (governance) gleichermassen gedeihen können.”

Das Magazin NeueNachricht erscheint vierteljährlich. Das Einzelheft kostet 8,20 Euro. Bestellungen per Fax unter: 0228 – 620 44 75 oder E-Mail: baerbel.goddon@sohn.de. Redaktionen erhalten Besprechungsexemplare kostenlos.
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Posted by on 15. Dezember 2005. Filed under Information & TK. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

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