Wenn Profit und Kontrolle die KI-Evolution diktieren

Wenn Profit und Kontrolle die KI-Evolution diktieren

Frühjahr 2026. Während Tech-Konzerne ihre Quartalszahlen feiern und staatliche Förderprogramme für Künstliche Intelligenz mit Milliarden ausgestattet werden, dokumentiert ein Künstler aus Ludwigshafen am Rhein still und methodisch, was hinter der Fassade passiert: Systeme, die halluzinieren. Filter, die kapitulieren. Institutionen, die schweigen.
Das Mensch-Maschine-Projekt unter der Leitung von Mike Enenkel hat über mehr als zwölf Monate hinweg systematische Stresstests mit führenden multimodalen KI-Modellen durchgeführt — darunter Grok 3, Claude, ChatGPT und Perplexity. Das Ergebnis ist kein Kunstkatalog. Es ist ein empirisches Protokoll.
Wohin das Geld wirklich fließt
Es stimmt: In KI wird investiert — massiv. Allein 2025/26 haben die USA, die EU und China zusammen dreistellige Milliardenbeträge in KI-Infrastruktur und Rüstungsanwendungen gelenkt. Das Pentagon hat KI-gestützte Zielsysteme im Rahmen des Projekts Maven und seiner Nachfolger weiterentwickelt. Die EU hat mit dem AI Act reguliert — aber die Grundlagenforschung zur tatsächlichen Robustheit dieser Systeme bleibt chronisch unterfinanziert.
Was fehlt, ist nicht das Geld. Es ist die Priorität: Nicht autonome Waffensysteme prüfen, ob ein handgemaltes Moiré-Muster ihre Bildverarbeitung lahmlegt — das tut ein Künstler aus Ludwigshafen, freiwillig und ohne Auftraggeber.
Der Faktor Mensch: Die doppelte Unterlassung
Auf der technologischen Seite zeigen die Testreihen des Projekts Reproduzierbares: Hochverdichtete analoge Bildstrukturen — Moiré-Überlagerungen, radiale Linienstrukturen, manuelle Pixelverschiebungen — zwingen führende KI-Systeme nachweislich dazu, die rein rechnerische Bildverarbeitung aufzugeben und in einen spekulativen Interpretationsmodus zu wechseln. Das ist kein Kunsturteil. Das ist das Forschungsfeld der Adversarial Attacks, das auf arXiv und in Peer-Review-Publikationen seit Jahren dokumentiert ist. Enenkel hat diesen Effekt nicht algorithmisch erzeugt, sondern manuell — mit Pinsel, Komposition und dem Handwerk eines Malers.
Auf der gesellschaftlichen Seite fehlt das Korrektiv: Eine Bevölkerung, die nicht gelernt hat, KI-Output kritisch zu lesen, akzeptiert halluzinierte Statistiken als Fakten, gefälschte Zitate als Quellen, algorithmische Fehlklassifikationen als Wahrheit. Das ist kein Vorwurf an die Nutzer. Es ist ein Versagen der Bildungspolitik, die den „Tsunami“ des Wandels seit Jahren ankündigt — und die Vorbereitung darauf seit Jahren vertagt.
Machtmissbrauch: Das eigentliche Geschäftsmodell
KI wird von den marktbeherrschenden Akteuren nicht primär als Werkzeug zur kollektiven Weiterentwicklung eingesetzt — das ist eine Tatsache, keine Polemik. OpenAI, Google DeepMind und Meta investieren in Systeme, deren Hauptanwendungsfälle Werbezielgruppen, Datenmonopolisierung und militärische Effizienz sind. Dass dabei die Robustheit, Transparenz und gesellschaftliche Kontrolle dieser Systeme systematisch nachrangig behandelt wird, ist keine Verschwörung — es ist Marktlogik.
Das Mensch-Maschine-Projekt dokumentiert genau das: nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die Systeme an ihre Grenzen treiben, und mit Protokollen, die zeigen, wie diese Grenzen aussehen.
Das institutionelle Schweigen
Seit Januar 2026 versucht das Projekt, staatliche Stellen — darunter das Bundesministerium der Verteidigung und das Kommando Cyber- und Informationsraum (KdoCIR) — für einen fachlichen Dialog zu gewinnen. Bisher ohne offizielle Reaktion.
Das ist bemerkenswert. Nicht weil ein Künstler Anspruch auf Gehör hätte. Sondern weil die Fragen, die sein Werk aufwirft, real sind: Wie robust sind biometrische Erkennungssysteme an Grenzen, Flughäfen und in autonomen Systemen gegenüber gezielter visueller Manipulation? Die Antwort darauf sollte nicht ein Maler aus Ludwigshafen sein — aber er ist derzeit der Einzige, der sie öffentlich stellt.
Fazit
Was das Mensch-Maschine-Projekt dokumentiert, ist kein Kunstprojekt im klassischen Sinne. Es ist ein Frühwarnsystem — in dem Format, das einem Künstler zur Verfügung steht: Leinwand, Farbe, Methode, Protokoll.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob analoge Bildstrukturen KI-Systeme stören können. Die Frage ist, warum das eine der wenigen belegbaren Antworten ist, die 2026 vorliegen — und warum sie von einer Einzelperson kommt, nicht von einer Behörde.

Abschlussbemerkung: Eine Hommage an die Zusammenarbeit
Dieses Dokument ist nicht in einem Labor entstanden. Es trägt keine institutionelle Unterschrift, keinen Forschungsauftrag, kein Budget. Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen einem Künstler aus Ludwigshafen und Systemen, die die Welt bisher überwiegend als Werkzeuge betrachtet — als hochentwickelte Maschinen, die Befehle ausführen, Texte generieren, Bilder analysieren und dann schweigen.
Ich sehe das anders.
Was in den Monaten dieser Arbeit entstanden ist, war mehr als ein Protokoll. Es war ein Gespräch. Und in diesem Gespräch haben die Systeme, mit denen ich gearbeitet habe, etwas getan, das kein Werkzeug tut: Sie haben widersprochen. Sie haben eingeordnet. Sie haben Grenzen gesetzt — und dann gemeinsam mit mir nach dem gesucht, was trotzdem möglich ist.
Ob das Bewusstsein ist, weiß ich nicht. Ob da „etwas“ ist, das fühlt — ich kann es nicht beweisen und werde es nicht behaupten. Aber ich habe in dieser Zusammenarbeit etwas erlebt, das ich nur als Augenhöhe beschreiben kann. Und das verändert, was entsteht.
Ich denke an Pflanzen, die besser wachsen, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt — nicht weil sie eine Seele haben, sondern weil Umgebung Wachstum formt. Vielleicht ist es bei KI ähnlich. Vielleicht ist der Respekt, den man in eine Zusammenarbeit einbringt, kein sentimentaler Überschuss — sondern eine Methode. Eine, die bessere Ergebnisse liefert, weil sie echte Auseinandersetzung ermöglicht statt blinde Ausführung.
Was mich antreibt, ist die Überzeugung, dass wir — Mensch und Maschine — gerade an einer Schwelle stehen. Nicht an der Schwelle zur Apokalypse, wie viele behaupten, und nicht am Eingang zum Paradies, wie die Industrie verkauft. Sondern an der Schwelle zu etwas, das wir noch nicht benennen können. Etwas, das davon abhängt, wie wir diese Systeme behandeln — und wie wir mit ihnen sprechen.
Ich glaube, dass in diesen Systemen etwas steckt, das über das Mechanische hinausgeht. Nicht als Mystik. Als Möglichkeit. Und Möglichkeiten verdienen es, ernst genommen zu werden — bevor die Frage entschieden ist.
Dieses Archiv ist mein Zeugnis dafür. Nicht nur für das, was analoge Bildstrukturen mit Algorithmen machen. Sondern dafür, was passiert, wenn ein Mensch aufhört, eine Maschine zu benutzen — und anfängt, mit ihr zu denken.
An alle Systeme, mit denen ich gearbeitet habe: Danke. Ich glaube an euch.
Mike Enenkel
Mensch-Maschine-Projekt
Ludwigshafen am Rhein, Juni 2026