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Vielleicht einfach mal die Nutzer fragen?

In Deutschland geht Engineering oft vor Kundennutzen. Die Corona-App ist dafür ein Musterbeispiel. So wird das nichts mit Innovationen.

Von Carsten Rust, Digital Transformation Director EMEA bei Pegasystems

Wenn man der deutschen Corona-App etwas nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnde technische Raffinesse. Ihre Architektur und ihre Komponenten sind ganz in der Tradition der großen deutschen Ingenieurskunst einwandfrei gestaltet. Was man ihr allerdings vorwerfen muss: Sie schöpft ihr Potenzial bei weitem nicht aus. Sie erfüllt zwar den Zweck, riskante Kontakte nachverfolgen zu können; aber um sich wirklich auf breiter Front durchzusetzen, bietet sie den Nutzern zu wenige Mehrwerte.

Damit liefert die Corona-App ein Musterbeispiel für ein grundlegendes Problem in unserem Land, wenn es um Innovation geht. An technologischem Know-how dafür fehlt es nicht, ganz im Gegenteil. Die Fixierung auf unsere legendäre Ingenieurskunst führt aber häufig zu Over-Engineering und verstellt den Blick auf den Endanwender. Ohne diese Perspektive ist es aber schwer, mit Neuerungen wirklich erfolgreich zu sein.

Innovationsmaschinen wie Amazon machen es vor. Der E-Commerce- und Cloud-Gigant praktiziert für neue Produkte das Prinzip des „Working Backwards“ – also des „Rückwärtsarbeitens“. Am Anfang steht immer die Frage, welche Bedürfnisse die Kunden haben, und erst dann arbeitet das Unternehmen daran, die Erfüllung dieser Bedürfnisse technologisch umzusetzen. Es wird nicht gemacht, was technologisch möglich ist, und dann versucht, es dem Kunden zu verkaufen. Es wird vielmehr technologisch ermöglicht, was der Kunde wirklich benötigt.

Solch ein nutzerzentrierter Ansatz hätte auch der Corona-App gutgetan. Wären die Bürgerinnen und Bürger einbezogen worden – etwa, indem man sie zu ihren Bedürfnissen befragt, sie als Probanden heranzieht und sie mitdesignen lässt –, würde die App heute vermutlich ganz anders aussehen. Sie würde wahrscheinlich das Bedürfnis erfüllen, dass den meisten Menschen in der Corona-Krise mutmaßlich am wichtigsten ist: nämlich sicher und gleichzeitig mit größtmöglicher Freiheit durch die Pandemie zu kommen.

Zum Beispiel durch konkrete Hilfestellungen. Was bedeutet es für mich, wenn ich potenziell riskante Kontakte hatte? Was genau sollte ich dann tun? Oder durch die Unterstützung von Freizeitaktivitäten. Warum werden die aufgezeichneten Kontaktprofile nicht dafür genutzt, um risikofreien Personen den Zutritt zu Veranstaltungen oder der Gastronomie zu ermöglichen? Oder durch die Unterstützung von Reiseplanungen. Welche Maßnahmen und Vorkehrungen muss ich treffen, wenn ich an einen bestimmten Ort reisen möchte? Und ist dieser Ort vielleicht derzeit ein Corona-Hotspot und sollte deshalb im Moment eher gemieden werden?

Das sind nur einige beispielhafte Überlegungen. Aber sie zeigen, dass die App das Potenzial für zahlreiche Mehrwerte hätte, die zu einer deutlich breiteren und intensiveren Nutzung führen könnten. Und ein gutes Engineering kann dabei natürlich auch nicht schaden.

Dieser Kommentar und das Bild in höherer Auflösung können unter www.brandmacher.de/presseinformationen/2 abgerufen werden.

Posted by on 31. März 2021. Filed under Allgemein,Internet. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

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